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Bulimie (Bulimia nervosa)

Bulimiker führen ein Doppelleben, belügen sich und andere. Sie versuchen so lange es geht, ihre Ess- und Brechsucht zu verbergen. Auf Heißhungerattacken folgt das selbstausgelöste Übergeben. Immer wieder. Die panische Angst zuzunehmen ist stärker als jegliches Ekelgefühl. Essen, Erbrechen und abführende Medikamente - ohne Hilfe von außen kann der Betroffene diesem teuflischen Kreislauf nicht entrinnen.

Von der Essstörung sind vor allem Frauen zwischen dem 18. und 40. Lebensjahr betroffen. Aber auch die Zahl der erkrankten jungen Männer nahm in den letzten Jahren deutlich zu.

Symptome

Im Gegensatz zu untergewichtigen Magersüchtigen sieht man Bulimikern die Essstörung nicht unbedingt an. Sie sind meist schlank bis normalgewichtig. Ihre Sucht können sie lange vor ihrer Umwelt verbergen und gehen dabei geschickt vor. So putzen sie sich z.B. nach jedem Erbrechen die Zähne oder benutzen auf der Toilette ein Raumspray, um den Geruch zu überdecken. Sie vermeiden es, in Gesellschaft zu essen. Hinzu können finanzielle Sorgen kommen. Die Massen an Nahrungsmitteln und Medikamenten zehren nicht nur an der Gesundheit, sondern auch am Geldbeutel. Der Leidensdruck für Bulimiker ist groß. Depressionen sind nicht selten die Folge.
Typisches "Bulimie-Verhalten"

    * Betroffene haben regelmäßig unkontrollierte Fressanfälle. Sie schlingen erheblich mehr Nahrung in sich hinein als ein gesunder Mensch. Ihr Gefühl für Menge und Zusammensetzung der Speisen scheint verloren zu sein. Pro Attacke können sie etwa 10 000 Kalorien (oder mehr) zu sich nehmen. Diese müssen erbrochen werden, bevor das Essen in den Magen-Darmtrakt gelangt. So schützen sich die Bulimiker vor der gefürchteten Gewichtszunahme.
    * Das Übergeben wird zunächst noch mechanisch ausgelöst (z.B. Finger in den Hals stecken). Später läuft das Erbrechen "automatisch" ab.
    * Nach den Ess- und Brechanfällen folgt die Scham über das eigene Verhalten.
    * Neben der Sucht kommt es zum Missbrauch von Abführmitteln, Appetitzüglern und Diuretika (Entwässerungsmittel).
    * Alles dreht sich ums Essen.
    * Bulimiker sind suchtgefährdet, dazu gehört auch häufig eine Sportsucht.
    * Es werden gehäuft strenge Fastenkuren durchgeführt.

Mögliche Komplikationen

Das permanente Essen, Erbrechen und Fasten bleibt nicht ohne gesundheitliche Folgen. Durch die Magensäure wird der Zahnschmelz angegriffen (Karies). Die Speiseröhre wird regelrecht verätzt. Es kann hier unter anderem zu Blutungen und Vernarbungen kommen. Die hochgewürgte Nahrung kann schlimmstenfalls zur Erstickung führen. Weitere mögliche Folgeerkrankungen sind chronische Verstopfung, Herzrhythmusstörungen, Bauchspeichelentzündung, Lungenentzündung, hormonelle Störungen (Ausbleiben der Regel), Knochenschwund (Osteoporose), Herzkreislauf-, Nieren- und Schilddrüsenerkrankungen. Schwangere Patientinnen gefährden zudem die Gesundheit ihres ungeborenen Kindes.

Ursachen

Noch ist man nicht sicher, was genau eine Bulimie auslöst. Anscheinend sind mehrere Faktoren dafür verantwortlich:

Psyche:

Viele Patienten fühlen sich großem Druck ausgesetzt. Die Angst, in der Schule, im Job oder im Familienleben zu versagen, ist groß. Das Gefühl der Unzulänglichkeit kann der Wegbereiter für eine Ess-Brecht-Sucht sein.

Verzerrte Körperwahrnehmung (Körperschemastörung):

Bulimiker haben eine gestörte Selbstwahrnehmung. Egal wie schlank sie sind, sie fühlen sich immer zu dick.

Familie:

Gefährdet sind Personen, die nie gelernt haben, Konflikte auszutragen und Ängste zuzugeben. Der Grundstein wird dafür häufig schon in der Kindheit gelegt. Sprachen die Eltern niemals über ihre Gefühle, wird auch der Nachwuchs damit Probleme haben.

Umwelt:

Die Medien zeigen makellose Gesichter und gertenschlanke Körper. Ein kaum erreichbares und auch nicht unbedingt erstrebenswertes Vorbild. Was viele aber nicht davon abhält, diesem gefährlichen Schönheitsideal nachzueifern.

Neurologische Störung:

Es kann eine krankhafte Störung des Sättigungsgefühls vorliegen.

Ernährungsumstellung:

Unter Umständen beginnt die Erkrankung mit fehlgeschlagenen Diäten oder Ernährungsumstellungen. Maßloses Essen wird dann als Problem- und Konfliktlösungsmittel missbraucht.

Diagnose

Der Arztbesuch setzt schon mal voraus, dass der Patient sich seine Sucht eingesteht. Das ist ein wichtiger Schritt für eine erfolgreiche Therapie. Entscheidend ist das Arzt-Patientengespräch. Dabei werden Essverhalten und eventuelle Probleme oder Ängste angesprochen. Schließlich folgen körperliche Untersuchungen, um z.B. eventuelle Schäden an der Speiseröhre oder dem Bewegungsapparat (Osteoporose) festzustellen. Der Patient wird gewogen, und eine Blut- und Urinuntersuchung (u.a. Elektrolyte, Nierenwerte) gibt Aufschluss über eventuelle Mangelerscheinungen oder Erkrankungen.

Behandlung

Die Krankheit entwickelt eine Eigendynamik. In einer psychotherapeutischen Therapie muss der Teufelskreis aus Hungern, Essen und Übergeben durchbrochen werden. Das ist nicht einfach, und viele Patienten scheitern daran. Aber auch wenn die Ursachen entdeckt und aufgearbeitet wurden, ist die Bulimie noch nicht überwunden. Der Patient muss wieder lernen, nach den natürlichen Signalen zu leben, die sein Körper sendet - Hunger und Sättigungsgefühl. Abnormales Essverhalten darf nicht mehr zur Stress- und Problembewältigung benutzt werden. Mit Hilfe einer Ernährungsberatung erlernen die Betroffenen ein neues Essverhalten. Dazu gehört auch der Genuss.

Abhängig vom körperlichen und psychischen Zustand des Patienten wird die Behandlung stationär durchgeführt. Antidepressiva werden nur eingesetzt, wenn es sich nicht vermeiden lässt, da Bulimiker schnell abhängig werden. Eine konsequente Nachbetreuung ist unbedingt erforderlich, es besteht ein extrem hohes Rückfallrisiko. Denn anders als bei anderen Süchten, kann man auf die "Droge" Essen nicht verzichten. Der Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe kann eine sehr große Hilfe sein.

Alternative Heilmethoden

Begleitend können alternative Behandlungsformen eingesetzt werden. Dazu gehören Phytotherapie, Homöopathie, Kneippbehandlungen, und Lichttherapie. Ideal sind auch viele Heilmethoden der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), z.B. Akupunktur, Akupressur, Tai Chi und Qi Gong (eine Art Heilgymnastik). Entspannungstechniken sind gut für Seele und Körper, geeignet sind unter anderem Meditation, progressive Muskelentspannung oder autogenes Training. Übrigens: Bauchtanz macht nicht nur Spaß, sondern fördert auch das Körpergefühl.

Vorbeugung

Bei einer Bulimie gibt es keine eindeutigen Vorbeugungsmaßnahmen. Dafür sind die Ursachen viel zu komplex. Aber es ist wichtig, erste Warnzeichen zu erkennen und darauf zu reagieren.

Folgende Verhaltensmuster können eine Bulimie begünstigen und sollten vermieden werden:

  • Essen darf keine Ersatzbefriedigung sein. Man sollte sich selbst bei seinem Essverhalten beobachten. Greift man zur Schokolade, weil man unter Stress steht? Wird eine größere Portion verdrückt, weil der Chef heute so genervt hat? Ein Ess-Protokoll hilft, den Überblick zu bewahren. Allerdings darf es nicht zum fanatischen Kalorienzählen missbraucht werden.
  • Wenn man satt ist, soll man mit dem Essen aufhören.
  • Es gibt keine schlechten und guten Nahrungsmittel. Das Interesse am Essen darf nicht zwanghaft werden.
  • Probleme dürfen nicht unter den Tisch gekehrt werden.
  • Keine überzogenen Ansprüche stellen ? weder an seine Fähigkeiten noch an sein Äußeres. Man kann es nun mal nicht allen recht machen.
  • Sich nicht von falschen Schönheitsidealen beeindrucken lassen. Niemand ist perfekt ? und das ist auch gut so!

(CI) 09.12.2005

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