Krankheiten
Magersucht (Anorexia nervosa)
Sie essen viel zu wenig oder schlimmstenfalls gar nicht mehr. Nicht selten wiegen Patienten weniger als 35 oder 30 Kilo. Dann hat die Essstörung bereits lebensgefährliche Dimensionen angenommen. Die Ursachen sind in erster Linie psychosomatisch. Betroffen sind vor allem Mädchen und junge Frauen zwischen dem 12. und 30. Lebensjahr. Der Anteil der männlichen Magersüchtigen ist zwar gering, nimmt aber langsam zu.
Symptome
Im Gegensatz zu meist normalgewichtigen Bulimie-Patienten, sieht man einem Magersüchtigen die Essstörung nach einiger Zeit an. Sie sind dünn bis stark untergewichtig. Nicht selten verlieren die Betroffenen die Hälfte ihres Gewichts. Das Untergewicht (oft unter 40 Kilo) wird unter weiter Kleidung versteckt. Werden die Patienten auf ihr Essverhalten angesprochen, reagieren sie uneinsichtig.
Mögliche körperliche Symptome
- Abgeschlagenheit und Müdigkeit
- Schwindel
- niedriger Blutdruck
- Anämie (Blutarmut)
- Untertemperatur (Betroffene frieren sehr schnell)
- Lanugo-Behaarung (Ausbildung feiner Härchen als Kälteschutz)
- Bauchschmerzen und Verstopfung
- dünnes, trockenes Haar, Haarausfall, Nagelverformungen
- gestörter Elektrolythaushalt
- Ödeme (Wasseransammlungen im Gewebe)
- Nieren- und Herzkreislauferkrankungen
- Knochenschwund (Osteoporose)
- Hormonstörungen (z. B. Ausbleiben der Regel, Unfruchtbarkeit)
- Hyperaktivität
Ursachen
Noch ist man nicht sicher, was genau eine Magersucht auslöst. Anscheinend sind mehrere Faktoren dafür verantwortlich.
Psyche:
Viele Patienten fühlen sich überfordert und minderwertig. Sind sie nicht perfekt, "züchtigen" sie sich mit Essensentzug. Magersucht kann auch als Waffe eingesetzt werden, z. B. um die Eltern zu bestrafen.
Verzerrte Körperwahrnehmung (Körperschemastörung):
Magersüchtige haben eine gestörte Selbstwahrnehmung. Selbst wenn der Körper skelettartig ausgemergelt ist, finden sie sich immer noch zu dick.
Familie:
Gefährdet sind Personen, die nie gelernt haben, Konflikte auszutragen und Ängste zuzugeben. Der Grundstein wird dafür häufig schon in der Kindheit gelegt. Sprachen die Eltern niemals über ihre Gefühle, wird auch der Nachwuchs damit Probleme haben. Aber auch ein zu harmonisches Elternhaus kann der Wegbereiter für die Essstörung sein. Das Kind hatte keine Möglichkeit, sich aufzulehnen, auszuprobieren und eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Die Essenskontrolle gibt ihnen ein Gefühl der Macht und Eigenständigkeit.
Sexuelle Reife:
Häufig beginnt die Magersucht mit Einsetzen der Pubertät. Die erste Menstruation wird von einigen Mädchen als bedrohlich empfunden. Die Essstörung ist der "Ausweg". Das körperliche Wachstum wird behindert und damit auch die Ausbildung weiblicher Formen. Es kommt zu Zyklusstörungen und schließlich dem Ausbleiben der Regel.
Umwelt:
Die Medien zeigen makellose Gesichter und gertenschlanke Körper. Dünn heißt schön. Ein kaum erreichbares und auch nicht unbedingt erstrebenswertes Vorbild. Was viele aber nicht davon abhält, diesem gefährlichen Schönheitsideal nachzueifern.
Ernährungsumstellung:
Unter Umständen beginnt die Erkrankung mit einer Diät. Doch anstatt aufzuhören, wenn das Wunschgewicht erreicht wurde, hungern Magersüchtige immer weiter. Sie setzen sich ein immer geringeres Wunschgewicht zum Ziel.
Typisches "Anorexie-Verhalten"
- Der Gewichtsverlust wird zwanghaft. Das Abnehmen zur Sucht. Mehrmals täglich kontrollieren die Patienten ihr Gewicht auf der Waage. Häufig führen sie ein Protokoll über jedes verlorene Gramm.
- Essen ist Schwäche, Hungern ist Stärke. Magersüchtige sind stolz darauf, dass sie mit wenig Nahrung auskommen können. Sie brauchen das Gefühl, dass sie ihren Körper unter Kontrolle haben. Unter Umständen legen sie auch in anderen Bereichen einen zwanghaften Perfektionismus an den Tag.
- Magersüchtige teilen ihre Nahrung in gute und böse (verbotene) Lebensmittel ein. Sie haben panische Angst davor, verbotenes Essen zu sich zu nehmen. Deshalb vermeiden sie es, in Gesellschaft zu essen.
- Mit exzessivem Sport werden Kalorien verbrannt. Nicht selten endet der Bewegungsdrang in einer Sportabhängigkeit. Wird dem geschwächten Körper soviel Aktivität zugemutet, kann das lebensgefährliche Folgen haben.
- Das Essen bzw. Abnehmen steht im Mittelpunkt des Denkens und Handelns. Nichts anderes zählt. Das treibt die Betroffenen häufig ins soziale Abseits.
- Im Gegensatz zu einem Bulimiker haben Magersüchtige keine Bedenken oder sogar Scham wegen ihres Tuns. Sie sind uneinsichtig und reagieren ablehnend auf entsprechende Vorwürfe.
- Missbrauch von Abführmitteln, Appetitzüglern und Diuretika (Entwässerungsmittel) sind häufige Begleiterscheinungen der Anorexie.
- Bei der bulimischen Form der Magersucht kommt es zu selbstausgelöstem Erbrechen (Binge-Purge-Typ). Bei der sogenannten restriktiven Magersucht hingegen bleiben Ess- und Brechattacken aus.
Diagnose
Starker Gewichtsverlust und Untergewicht (BMI unter 17,5) sind eindeutige Hinweise auf die Erkrankung. Entscheidend ist das Arzt-Patientengespräch. Dabei werden Essverhalten, Aktivitäten (z. B. extremer Bewegungsdrang) und das Selbstbildnis (Körperschemastörung) angesprochen. Der Patient wird gewogen, Untersuchungen und Laborwerte geben Aufschluss über eventuelle Mangelerscheinungen und Erkrankungen.
Behandlung
Viele Magersüchtige kommen in ärztliche Behandlung, wenn sie am Ende ihrer körperlichen Kräfte sind. Dann ist der erste Anlaufpunkt ein Krankenhaus. Nicht selten müssen sie zwangseingeliefert werden. In der Klinik werden zunächst die physischen, dann die psychischen Beschwerden behandelt.
Die Krankheit entwickelt eine Eigendynamik. Nur mit psychotherapeutischer Hilfe lassen sich Körperwahrnehmung und Essverhalten normalisieren. Mögliche Ursachen müssen aufgedeckt und aufgearbeitet werden. Das ist nicht einfach, und viele Patienten scheitern daran. Ein hoher Prozentsatz bleibt immer essgestört, selbst wenn sich das Gewicht normalisiert hat. Einige Patienten hungern sich zu Tode.
Essen lernen!
Der Patient muss wieder lernen, nach den natürlichen Signalen zu leben, die sein Körper sendet. Das heißt, er muss dem Hunger nachgeben und ohne schlechtes Gewissen Nahrung aufnehmen. Mit Hilfe einer Ernährungsberatung erlernen Betroffene ein neues Essverhalten.
Abhängig vom körperlichen und psychischen Zustand des Patienten wird die Behandlung zunächst über mehrere Wochen stationär durchgeführt. Die Therapie ist sehr langwierig und kann Jahre (durchschnittlich drei bis vier) dauern. Eine konsequente Nachbetreuung ist unbedingt erforderlich, es besteht ein extrem hohes Rückfallrisiko. Der Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe kann eine sehr große Hilfe sein.
Alternative Heilmethoden
Begleitend können alternative Behandlungsformen eingesetzt werden. Dazu gehören Phytotherapie, Homöopathie, Kneippbehandlungen und Lichttherapie. Ideal sind auch viele Heilmethoden der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), z. B. Akupunktur und Akupressur. Entspannungstechniken sind gut für Seele und Körper, geeignet sind unter anderem Tai Chi und Qi Gong (eine Art Heilgymnastik), Meditation, progressive Muskelentspannung oder autogenes Training. Übrigens: Bauchtanz macht nicht nur Spaß, sondern fördert auch das Körperbewusstsein.
Vorbeugung
Es gibt keine Vorbeugungsmaßnahmen, die eine Magersucht verhindern könnten. Dafür sind die Gründe viel zu vielschichtig. Aber es ist wichtig, erste Anzeichen zu erkennen und darauf zu reagieren. Folgende Verhaltensmuster können Warnhinweise sein:
- Es gibt keine schlechten und guten Nahrungsmittel. Das Interesse am Essen darf nicht zwanghaft werden. Ein Ess-Tagebuch hilft, den Überblick zu bewahren. Allerdings darf es nicht zum fanatischen Kalorienzählen missbraucht werden!
- Essen soll Spaß machen. Weder Essen, noch Hungern oder Abnehmen sollen der Belohnung oder Bestrafung dienen.
- Nicht ständig das Gewicht kontrollieren. Am besten die Waage ganz verbannen.
- Keine überzogenen Ansprüche stellen - weder an seine Fähigkeiten noch an sein Äußeres. Man kann es nun mal nicht allen recht machen.
- Sich nicht von falschen Schönheitsidealen beeindrucken lassen. Niemand ist perfekt - und das ist auch gut so!
(CI) 13.02.2005

