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Naturheilkunde

Medizin aus der Urwald-Apotheke

Die Gluthitze ist nahezu unerträglich. Sie lastet schwer auf dem Dickschicht des Urwalds. Sattgrüne Pflanzen bilden eine undurchdringliche Mauer. Millionen von Moskitos tanzen im gleißenden Licht der Äquatorsonne. Afrika - das größte "Treibhaus" der Welt! Erst jetzt haben Wissenschaftler entdeckt, dass hier die bestsortierte "Apotheke der Welt" steht.

Medizin aus der Urwald-Apotheke

Ein medizinischer Supermarkt, der nur darauf wartet entdeckt zu werden. Mehr als 250 000 verschiedene Baum- und Pflanzenarten sind hier beheimatet. In ihren Blättern, Wurzeln oder Stielen befinden sich Inhaltsstoffe, die so manches Medikament in den Schatten stellt. Sie können Bakterien vernichten und das Wachstum bösartiger Krebszellen verhindern. Manche nehmen es sogar mit dem tödlichen Aidsvirus auf: Heilpflanzen aus dem afrikanischen Urwald sind die neue große Hoffnung der Pharmakologen und Ärzte. Aktuelle Forschungen bringen selbst die Fachwelt ins Staunen.

Zurück zur Natur lautet der aktuelle Trend. Noch vor zehn Jahren glaubten die Wissenschaftler, die Arbeit im Labor, am Bildschirm und im Reagenzglas reicht aus. Doch sie wurden eines Besseren belehrt. Kein Computer der Welt kann mit dem Erfindungsreichtum von 3 ½ Millionen Jahren Evolution konkurrieren.

Da ist zum Beispiel Professor Kurt Hostettmann. Der Pharmakologe leitet an der Universität Lausanne eines der größten Pflanzenforschungsinstitute der Welt. Er sagt: "Es ist unglaublich. Fast täglich finden wir neue Stoffe in den Urwaldpflanzen. In der Wurzelrinde der Leguminose, einer Hülsenfrucht, sind wir auf ein Mittel gestoßen, das Bakterien abtötet. In Schlingpflanzen haben wir sogenannte Phenole gefunden, die Wunden desinfizieren und besser heilen lassen."

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Forscher der Universität Würzburg entdeckten in Regenwaldgewächsen sogenannte Alkaloide, die als wirkungsvolle Waffe gegen Malaria und Aids zum Einsatz kommen sollen. Die Forscher sind sich heute einig: Irgendwo in dem dunklen grünen Ozean, zwischen Ästen und Lianen, in Blättern oder Früchten, könnten sich Inhaltsstoffe verbergen, die selbst gegen die schlimmsten Krankheiten vorgehen können. Man muss sie nur noch finden!

Bis zur vielversprechendsten Region sind die Forscher dabei nämlich noch gar nicht vorgedrungen: Das Blätterdach des Urwalds. Auf den nicht selten 50 Meter hohen Baumkronen tanken die Pflanzen den meisten Regen und die meiste Sonne. Dort oben leistet die Photosynthese Schwerstarbeit.

Vor 15 Jahren begann der Hamburger Chirurg Dr. Konrad Rippmann (41) mit seinen Untersuchungen. Er lernte damals in Ghana den Medizinmann Dr. Isaac Sayi (76) kennen, einen bekannten Naturheilkundler und hervorragender Arzt. Dr. Sayi studierte an der berühmten Pariser Universität Sorbonne und zeigte ihm, wie die Pflanzen in der afrikanischen Volksmedizin verwendet werden, und half ihm, sie nach Deutschland zu bringen.

Dr. Rippmann ließ sie in Labors des Allgemeinen Krankenhauses Wandsbek untersuchen. Mit ungeahntem Erfolg. Ein Wirkstoff gegen Leberschäden hat die Forschung bereits hervorgebracht. Weitere werden folgen.

Dr. Rippmann: "Ich bin mehr als angetan von den vielfältigen Möglichkeiten dieser Pflanzen. Ein aus Sisal gewonnener Extrakt wirkt zum Beispiel wie Kortison, schwemmt aber den Körper nicht auf."

Im Euphorbiastrauch fanden die Forscher Essenzen, die bei Darmerkrankungen eingesetzt werden und von schlimmen Krämpfen befreien können. Und aus der Blüte der afrikanischen Hülsenfrucht Mucana pruriens gewannen sie ein wirksames Nerventonikum, das die für Depressionen verantwortlichen Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin günstig beeinflusst. Der Kugelstrauch (Caesalpina pulcherrima) hielt ein Anti-Grippe-Mittel bereit, der gelbblühende Strauch Cassia sieberiana ein wirksames Mittel gegen Fieber.

Warum haben westliche Naturwissenschaftler eigentlich nicht viel früher die Schätze der Urwaldmedizin untersucht? Antwort: Es war zu teuer. Nicht selten dauert es Monate, bis ein Wirkstoff ausgefiltert ist. Jetzt konnte man das Verfahren vereinfachen und damit beschleunigen.

In dreijähriger Entwicklungsarbeit und mit Unterstützung des Bundesforschungsministeriums hat die Potsdamer Biotechnologie-Firma Analyticon unter Leitung des Diplom-Chemikers Dr. Ralf God (33) die sogenannte Sepbox entwickelt. Das auf der Welt einmalige Gerät sieht aus wie ein supermoderner Kühlschrank aus Stahl. Dr. God: "Der Apparat hat 42 Trennungssäulen. Schon nach 24 Stunden haben wir das Ergebnis."

Etliche wirksame Substanzen hat das 800 Kilogramm schwere und rund 400.000 Euro teure High-Tech-Gerät schon entschlüsselt. Sie befinden sich in der vorklinischen Prüfung. Darunter ein aus Wolfsmilchgewächsen gewonnener Wirkstoff. Von ihm erhoffen sich die Forscher Hilfe im Kampf gegen Brustkrebs. Dr. Rippmann ist sicher: "In den nächsten Jahren werden noch viele andere Arzneien aus der afrikanischen Urwaldapotheke auf den Markt kommen. Wir stehen mit unseren Forschungen erst am Anfang."

(CI) 13.02.2005

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